Das Portrait

... ich mache mir ein Bild von einem Menschen ...

Der Mensch ist wohl das am meisten fotografierte Motiv überhaupt. Sei es die kleine Vanessa im Sandkasten, Tante Gerti während der Ausflugsfahrt auf der MS Biggesee oder das unbekannte Model, das für Dich Akt steht. Während Du Dich an manche Bereiche gar nicht erst heranwagen mußt, weil Du ständig Menschenfotos schießt, bedarf es in anderen Bereichen schon einer gewissen Choreografie und Vorbereitung. Unzählige Eltern fotografieren ihre Kinder, der Freund die Freundin, Du die Tante Gerti und der Zeitungsreporter die halbe Stadt.

Menschen zu porträtieren ist ein unerschöpfliches Thema und jeder fotografiert die Menschen anders. Wie in anderen Bereichen der Fotografie auch, solltest Du das, was Du fotografieren willst, auch mögen. Einen gewissen Bezug dazu haben, eine positive Gefühlsstruktur. Gerade bei dem sehr sensiblen Thema Mensch zeigt sich schnell, ob Du die Menschen magst. Dann gelingen Dir aussagekräftige Portraits, stimmungsvolle Ausdrücke und einzigartige Szenen.

Vorab möchte ich allerdings mal aufräumen mit dem Vorurteil, daß nur eine Superausrüstung auch gute Portraits ermöglicht. Diese falsche Annahme liegt in der grossen Zahl professioneller Fotostudios begründet, die “Otto Normalverbraucher” und auch Tante Gerti gemeinhin als Fotografen kennt. Da gibt es den Fotografen, bei dem man irgendwann einmal aufkreuzt und Paßbilder machen lässt, oder "noch schlimmer", die gestellten Studio- Fotos
vom schönsten Tag des Lebens”. Du wirst postiert auf einem mehr oder weniger bequemen Hocker, mußt eine komische Haltung vor einem riesigen Tuchhintergrund einnehmen und bist umrahmt von großen Leuchten und Reflektoren. Dein Blick ist meistens auf ein Kameramodell gerichtet, das Du noch nie vorher gesehen hast und alles erscheint sehr professionell und vor allen Dingen teuer. Vielleicht fällt Dir das wieder ein, wenn Du selber Portraits fotografieren möchtest und denkst Dir:
 
“Mist, so eine Ausrüstung habe ich gar nicht, darum kann ich das auch nicht...”

Schade, denn das brauchst Du gar nicht.

Einerseits kannst Du stimmungsvolle Portraits draußen in der Landschaft fotografieren, andererseits brauchst Du nur eine recht bescheidene Ausrüstung. In der Rubrik "Mein improvisiertes Studio" habe ich detailliert aufgelistet, was Du mindestens brauchst und wie Du vorgehen mußt, um richtig gute Portraits zu fotografieren. Und das ist nicht wirklich viel und auch nicht teuer. Folge einfach dem Link, um Dich dort zu informieren.

Mein improvisiertes Studio

Ich unterstelle einfach mal, daß Du im Besitz einer entsprechenden Kamera bist (ideal ist eine SLR, egal ob ASLR oder DSLR), sonst würdest Du bestimmt gar nicht erst die Fotoschule durchstöbern, wenn Du Dich nicht schon etwas intensiver mit der Fotografie beschäftigst.
Hilfreich in der Portraitfotografie kann ein Stativ sein, denn es ermöglicht Dir die Kamera ausreichend ruhig zu halten und hält Dir die Hände frei, um besser auf Dein Model eingehen zu können. Andererseits ist es kein "Muß", denn es kann in bestimmten Fotosituationen auch von Vorteil sein, mit der Kamera in der Hand schnell und flexibel reagieren zu können. Das lässt sich nicht pauschal festschreiben und ist sowohl situationsabhängig, wie auch von Deinen eigenen Gewohnheiten geprägt. Nicht jeder empfindet das Stativ als Bereicherung, viele Fotografen lehnen es als Einschränkung des schnellen Handelns kategorisch ab.

Den eingebauten Blitz Deiner Kamera solltest Du für Portraits auf keinen Fall benutzen.

Er mag in manchen Licht- Situationen bei Tageslicht als zusätzliche Aufhellung für im Schatten liegende Gesichtspartien etwas passendes Licht bringen, als einzige Beleuchtungsquelle in Räumen taugt er definitiv nichts. Gesichter wirken platt, glänzend überstrahlt und Du bekommst quasi eine Garantie für rote Zombieaugen. Gegen das frontale Knall-Licht spricht auch das gewohnte Lichtempfinden des Betrachters, denn das natürliche Lichtempfinden ist die Beleuchtung von oben (Deckenlampen etc.) und alle damit verbundenen Schattenpartien im Gesicht des Modells. Du strahlst Deinen Gesprächspartner eher selten mit einer starken Taschenlampe frontal ins Gesicht (zumindest nicht, wenn Du nicht beim Wachdienst oder der Polizei-Streife arbeitest....).

Abhilfe und ein erster Kompromiss ist ein externes Blitzgerät mit Schwenkreflektor, gerade auch für schwierige Lichtsituationen bei Portraits draußen oder in ungünstigen räumlichen Gegebenheiten. Nicht nur für Dein
improvisiertes Portrait- Studio, sondern in vielen anderen Bereichen wirst Du mit Hilfe des externen Blitzes deutlich bessere Fotos erzielen. Du kannst die oft mickrige Reichweite des eingebauten Kamerablitzes erheblich erweitern, indirekt blitzen (keine roten Augen mehr), seitlich blitzen und gezielt beleuchten. Und diese Möglichkeiten stehen Dir sogar mit einer einfachen Sucherkamera zur Verfügung. In dem Fall holst Du Dir einen sogenannten Servoblitzauslöser (einen optischen Fernblitzauslöser). Das ist eine Fotozelle, die unter den Blitzkontakt montiert wird und den Blitz zündet, sobald der Hauptblitz auslöst (den Servo-Auslöser gibt es für kleines Geld im Fotozubehör). Der zweite Blitz muß dann kein Systemblitz sein oder sonstige Spezialausstattungen besitzen. Mit dieser Ausrüstung kannst Du getrost loslegen und wirst bestimmt verblüfft sein, was Du für “professionelle” Fotografien von Tante Gerti anfertigen kannst.

Es geht aber noch einfacher:
Du brauchst nur 2 Videoleuchten mit 1000 – 1500 W (gibt’s mit etwas Glück für 30,-- € auf dem Flohmarkt). Und die montierst du auf 2 Stative. Fertig, das wars. Für
Aktaufnahmen oder kuschelige Portraits reicht auch eine Einzelne, oder zwei deutlich schwächere Leuchten mit 250-500 Watt. Wenn Du dann noch ein bisschen mit der Blende rumspielst, damit es aussieht, wie bei Kerzenschein, hast Du im Prinzip schon gewonnen...

Noch viele weitere einfache Tipps zum Ablauf und Zubehör gibt´s in der oben erwähnten Rubrik “
Mein improvisiertes Studio.”

An was solltest Du noch denken, wenn Du Menschen fotografieren möchtest?

Wenn Du Menschen fotografieren möchtest, dann versuche ein Gefühl für die Stimmung, den Ausdruck und die spezifische Situation zu bekommen.

Das beste “Menschen- Bild” ist das Foto, das den Betrachter fühlen lässt,
was Dein Model ausdrückt, empfindet oder fühlt.

Das ist sehr schwer, weil sich viele Menschen, insbesondere Kinder beim Anblick der Kamera und Blick ins Objektiv verstellen und ihr “Ich-werde-fotografiert- Gesicht” auflegen. Nicht nur das Problem gilt es für Dich zu lösen; durch Geschick, Schnelligkeit und vielleicht auch durch den Einsatz von Teleobjektiven.

Alter Seemann auf Stufen_kl Portrait_Die_Fotoschule_201_kl

Klick aufs Foto zeigt Vergrößerung

Oft hilft auch die Serienbildfunktion Deiner Kamera. Du glaubst nicht, wie unterschiedlich die Fotos werden, wenn Du nach dem ersten Schuß noch einen unerwarteten zweiten Haupttreffer hinterher schiebst. Dein Motiv erwartet verkrampft den Moment des Auslösens und entspannt sich augenblicklich danach. Das unmittelbar folgende Foto zeigt es entspannt und unverkrampft.

Generell hilft es ungemein, ein Fotoshooting (wo auch immer,
drinnen, irgendwo improvisiert oder draußen) locker, ungezwungen und positiv motiviert zu gestalten. Wenn Du mit Deiner Freundin (Deinem Freund, Bekannten....) unterwegs bist und ganz natürlich mit Deiner Kamera rumhantierst, wird sie schon nach kurzer Zeit ganz genauso normal und unverstellt in die Kamera gucken, als ob sie Dich anguckt. Das klappt aber nur, wenn nicht mit jedem Foto folgendes verbunden ist: “Stopp, halt mal, bleib mal so, lächel mal in die Kamera, warte, ich habs gleich, noch ein Stück nach links....” und das dann am besten noch verbunden mit einem
“Rote-Augen-Mehrfachblitzgewitter”. Einen Menschen portraitieren kannst Du überall, nicht nur im künstlichen Studio. Auch der Arbeitsplatz, das begleitende Umfeld, die Urlaubsatmosphäre und viele tausend andere Situationen des Lebens bieten Raum für gute Fotos eines Menschen.

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Bitte bedenke ausserdem, daß jeder Mensch ein Recht darauf hat, selbst zu entscheiden, ob er fotografiert werden möchte. Tante Gerti wird sich vermutlich noch tatkräftig zur Wehr setzen können und Dir ihre Handtasche um die Ohren kloppen, wenn es ihr nicht danach ist, in Deine Linse zu glotzen. Ausgesprochen geschmacklos und menschenverachtend finde ich jene Gattung von Fotografen, die in südlichen oder fernöstlichen Gefilden aus dem Auto heraus fotografierend in Armut lebende Menschen vor ihren Hütten wie Vieh im Zoo ablichten. Man sollte sich immer vor Augen führen, daß auch uns fremd erscheinende Menschen das gleiche Bedürfnis und Recht auf Intimsphäre und eigener Persönlichkeit haben, wie man selbst. Ich möchte denjenigen sehen, der gerade im Garten seine Würstchen grillt und völlig überraschend von einer Horde fotowütiger Chinesen oder Afrikaner förmlich mit den Kameras erlegt wird, ohne etwas dagegen unternehmen zu können.

Womit wir auch gleich beim
Recht am eigenen Bild angekommen sind.
Spätestens dann, wenn Du Deine Fotografien, in welcher Form auch immer, veröffentlichen willst, solltest Du die Rechte an dem Bild besitzen. Dazu gehört insbesondere
das schriftliche Einverständnis der fotografierten Person. Du kannst Dir schnell eine ordentliche Klage einfangen, wenn Du ohne Erlaubnis solche Fotografien der Öffentlichkeit zugänglich machst!
Speziell Portrait- und Aktfotografien sollten nie ohne ein entsprechendes Stück Papier fertiggestellt werden. Aber auch Schappschüsse in der Stadt können schnell nach hinten losgehen. Nur wenn Du einen Teil des öffentlichen Lebens fotografierst, kann Dir nichts passieren. Das wären zufällig anwesende Menschen bei einem
Konzert oder in der Fußgängerzone. Stellst Du jedoch einzelne Personen bildinhaltlich heraus, oder fotografierst Portraits, ist das kein öffentliches Leben mehr...


Tipps zur Aktfotografie gibt es per Klick
 


Tipps zum eigenen improvisierten Studio
 

...und hier gehts weiter in der Fotoschule...


Zum Thema Menschen hält die Fotoschule to go eine Fototipp-Card zum Mitnehmen bereit, konzentriert aufs Wesentliche, einfach ausdrucken und in die Fototasche stecken.

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